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  #1 (permalink)  
Alt 03.11.2006, 14:29
wdp1959 wdp1959 ist offline
Guru
Benutzerbild von wdp1959
Registriert seit: 21.07.2006

Geschlecht: keine Angabe
Ort: Bayern
Beiträge: 3.345
Standard Frage an die Sozialphobiker

Hallo zusammen,

in erster Linie richtet sich meine Frage an die User, die unter Sozialphobie leiden.

Wie ist das bei Euch losgegangen, woran habt ihr erkannt, dass ihr eine echte Sozialphobie habt? Oder wurde diese Diagnose durch einen Facharzt gestellt.

Ich frage deshalb, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich nicht langsam eine Sozialphobie "entwickle".

Am besten erzähl ich mal ein wenig von mir. Etlichen dürfte bekannt sein, dass ich auch Alkoholiker bin und seit ca. 1 1/2 Jahren, nach der Trennung von meiner Ehefrau wieder in Depressionen gefallen bin und auch wieder zu trinken begonnen habe. In der Zeit von Oktober letzten Jahres bis April diesen Jahres war ich insgesamt 5 Mal zur Entgiftung in einem Bezirksklinikum mit angeschlossener Suchtabteilung. Die erste Entgiftung im vorigen Jahr ist noch einigermaßen reibungslos über die Bühne gelaufen, aber dann war ich in der Zeit von Januar bis April 2006 jedes Monat einmal zur Entgiftung in besagtem Krankenhaus. Die ersten Tage gingen jedesmal, da ich ja noch unter Alk stand, bzw. die Medikation zur Entgiftung relativ hoch angesetzt war. Aber je weniger Medikamente ich bekommen habe, um so unwohler habe ich mich gefühlt. Die Suchtstation ist eine geschlossene Station, es gibt dort keine Ausweichmöglichkeiten. Nur unter gewissen Voraussetzungen erlangt man ein paar kleinere "Lockerungen" wie z.B. einen einstündigen täglichen Ausgang.

Die Zeiten, in denen ich immer "nüchterner" geworden bin, waren wie die Hölle. Gefangen mit 28 anderen Patienten auf engstem Raum, ohne die wirkliche Möglichkeit, einen Rückzug zu finden.

Nun gut, Ende April wurde ich das letzte Mal entlassen, war froh, endlich wieder in Freiheit zu sein, wollte nach weiteren 3 Wochen Krankschreibung wieder die Arbeit aufnehmen, was aber von meinem Arbeitgeber verweigert wurde, da er erst eine amtsärztliche Untersuchung über meine Dienstfähigkeit einholen wollte. Dieses Verfahren hat sich nun bis vor ca. 14 Tagen hingezogen, dann kam endlich das Ergebnis dieser Untersuchung. Aber dazu später.

Wie gesagt, anfangs ist es noch einigermaßen erträglich gewesen, bin in den heissen Monaten Juni/Juli auch oft zum Baden geradelt, allerdings an einen kleinen Privatsee, an dem jeder jeden kennt und auch nicht allzuviele Leute sind. Obwohl ich es früher (also in "gesunden" Zeiten) wirklich stundenlang am See ausgehalten habe, war es dieses Jahr schon so, dass das längste vielleicht mal 5-6 Stunden waren, ich aber oft auch schon nach 3 Stunden oder noch weniger wieder heimgefahren bin. Nicht weil mir die Leute Angst gemacht haben, es wurde mir einfach alles zu viel. Obwohl man dort wirklich nicht Handtuch an Handtuch liegt, sondern 15 - 20 Meter Platz zum nächsten sind, wenn nicht sogar mehr.

Dann kam ja die Zeit im August mit der Schlechtwetterphase. Ich habe mich immer mehr zurückgezogen, war ziemlich viel zuhause. Und dieser Zustand wird eigentlich immer schlimmer. Es ist jetzt nicht so, dass ich total den Kontakt zu anderen Menschen meide, obwohl ich früher sehr kontaktfreudig war, aber ich fühle mich relativ schnell eingeengt. Bisher habe ich dies immer auf meine Depression geschoben. Ich merke aber, wie gesagt, dass sich dieser Zustand verschlimmert. Ich gehe nur noch sehr ungern außer Haus, nur wenn ich mal einkaufen muß. War zwar vor knapp 2 Wochen mit meiner Noch-Ehefrau im Kino und anschließend beim Essen, sowie vor einer Woche beim Kaffeetrinken, brauche da aber vorher schon immer Diazepam, damit ich den Mut aufbringe, mich solchen "Herausforderungen" zu stellen. Und wenn ich nach draußen gehe, dann halte ich mir immer irgendwie den Rücken offen, suche also nur Bereiche oder Situationen auf, aus denen ich so schnell wie möglich "verschwinden" kann.

Nun gut, wie oben erwähnt wurde ja ein amtsärztliches Gutachten erstellt und mein Arbeitgeber will mich nun unter Zwang in eine 4-monatige Langzeittherapie schicken. Alleine die Vorstellung, 4 Monate auf, in gewisser Weise, engstem Raum mit anderen Menschen leben zu müssen, erzeugt in mir schon wieder einen Druck und eine Panik, die ich nicht beschreiben kann. Saufdruck ist da noch das harmloseste, hatte auch schon wieder solche Depri-Phasen, in denen ich am liebsten das Leben weggeworfen hätte.

Mich würde jetzt eben interessieren, wie bei Euch die Sozialphobie begonnen hat. War es auch ein eher schleichender Prozess, so wie ich gerade für mich meinen Zustand empfinde, oder war das schlagartig da?

Wie gesagt, ich habe jetzt keine direkte Angst vor anderen Menschen, aber ich vermeide nach Möglichkeit zu enge Kontakte, versuche diesen aus dem Weg zu gehen, gehe zu Zeiten einkaufen, wenn wenig los ist. Ich hätte auch kein echtes Problem vor Menschenansammlungen, wenn ich wüsste, dass ich jederzeit eine Rückzugsmöglichkeit habe.

Bin sehr gespannt auf Eure Erfahrungsberichte und sorry, dass es mal wieder so lange geworden ist. Ich bin halt ein Vielschreiber......


Liebe Grüsse
wdp
__________________
Viele Menschen sind zu gut erzogen, um mit vollem Mund zu sprechen;
aber sie haben keine Bedenken, dies mit leerem Kopf zu tun

Du glaubst mich zu kennen? Dann sag mir wer ich bin. Ich kenn mich nämlich nicht!!!
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  #2 (permalink)  
Alt 03.11.2006, 15:03
bobbie bobbie ist offline
Guru
Registriert seit: 15.09.2006

Ort: nahe Zürich
Beiträge: 1.260
Standard

schleichend.

Sorry zu kurz.
Das muss mir niemand diagnostizieren.
Ist einfach so.
__________________
Wer nicht träumt geht an die Wirklichkeit vorbei.
bobbie
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  #3 (permalink)  
Alt 03.11.2006, 15:54
Pow Pow ist offline
Guru
Registriert seit: 08.02.2005

Geschlecht: männlich
Ort: CH
Alter: 28
Beiträge: 2.677
Standard

Bei mir war das auch schleichend.

Hab am anfang gar nicht gmerkt, dass das was psychisches ist. Zuerst gedacht mein Körper/nervensystem hat ein Flick ab.

Erste schlimme Erfahrung: Konnte nicht mehr vor Leuten ein Glas oder Besteck zum Mund führen ohne innerlich zusammenzuzucken und mich zu verkrampfen. (wie Elektroschlag durchd en Körper beim bewegen wenn jemand zuschaut)

Dann auch ständiger Schwindel bei Zug und Bus fahren.
Probleme beim Einkaufen (bezahlen an der Kasse.)

Konnte irgendwann auch nicht mehr jemandem gegenüber am PC arbeiten. Oder unverkrampft mit Leuten an einem Tisch sitzen.

usw.
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  #4 (permalink)  
Alt 03.11.2006, 16:07
Zinnober Zinnober ist offline
Guru
Benutzerbild von Zinnober
Registriert seit: 25.07.2006

Geschlecht: weiblich
Ort: Krähwinkel
Alter: 63
Beiträge: 13.456
Standard

Schön, daß Du diesen Thread aufgemacht hast, wdp!
Meine Sozialphobie habe ich selbst diagnostiziert - man merkt das eben.
Menschenansammlungen sind mir ein Greuel, alle Gruppen über vier Personen (eigentlich drei) kann ich schlecht ertragen. Stimmengewirr ist die Hölle. Ich kriege dann Schweißausbrüche und das Zittern - eben Angstzustände.
Das Seltsame ist, daß ich 30 Jahre lang als Lehrerin tätig war und das alles ertragen habe. Naja, ertragen eben, bis es zu viel wurde. Und das rächt sich jetzt. Wenn ich Schulklassen an meinem Haus vorbeilatschen sehe und höre (Klassenfahrt), kriege ich Panik. Wie habe ich das bloß ausgehalten.
Jetzt kriege ich immer zu hörem "Geh doch mal unter Menschen!"
Nein, muß ich nicht haben, nein danke.
Ich kann stundenlang für mich allein verbingen - nun gut, mit Internetkontakten, aber physisch allein. Dann geht es mir gut. Manchmal geht mir schon eine einzige Person auf den Wecker, die ich dann gern wegschicken würde.
Nur mit meinem Freund geht es mir anders.
Mehr fällt mir im Moment nicht ein.
Liebe Grüße!
Zinnober
__________________
Die Normalität ist eine gepflasterte Straße;
man kann gut darauf gehen - doch es wachsen keine Blumen auf ihr.
(Vincent van Gogh)

http://www.ferkelprotest.de/
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  #5 (permalink)  
Alt 03.11.2006, 16:20
bobbie bobbie ist offline
Guru
Registriert seit: 15.09.2006

Ort: nahe Zürich
Beiträge: 1.260
Standard

Bin so geworden.
Nicht nur meine Schuld.
Mittlerweile ist es egal.
__________________
Wer nicht träumt geht an die Wirklichkeit vorbei.
bobbie
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  #6 (permalink)  
Alt 03.11.2006, 16:44
Sascha.rb Sascha.rb ist offline
Guru
Benutzerbild von Sascha.rb
Registriert seit: 25.07.2006

Geschlecht: männlich
Ort: Nicht in Hof.
Alter: 36
Beiträge: 5.774
Standard

Hallo wdp

Meine Sozialphobie habe ich auch zuerst selbst erkannt, wurde dann später auch vom Psychiater und der Psychologin bestätigt. Naja, man merkt es halt einfach ... wie Zinnober schon sagte, nur schon an deinem Verhältnis zu Menschenmengen. Bei mir geht das mit dem Stimmgewirr so weit, dass ich immer meinen iPod dabei habe, damit ich mich notfalls von außen abschotten kann (ich habe In-Ear-Kopfhörer, die funktionieren fast so gut wie Ohropax). Sonst sind Zugreisen oder Sitzen im Tram nicht zu ertragen.

Früher ging ich häufig an Konzerte oder am Abend ins Kino, aber das ertrage ich nicht länger. Auch "Ausgang" im Sinne von "ab in eine Bar" kann ich noch höchstens einmal im Monat durchziehen. Und auch dann fühle ich mich unwohl ... ich fühle mich beobachtet, was so weit geht, dass ich in Bussen immer rückwärts fahre, damit ich die anderen Reisenden im Auge behalten kann.

Manchmal kommt es mir so vor, als wären Menschenmengen ein Pott mit öligem Wasser. Und man muss eintauchen, aber das Öl verklebt einem die Haut und lässt einen ersticken. Wenn es nach mir ginge, würde ich nie mehr als 2-3 Menschen um mich herum haben. Wenn wir in unserem Büro Vollbesetzung mit 4 Leuten haben, drehe ich fast durch.

Sprich mit deinem Arzt darüber. Es soll Therapieformen geben, die funktionieren; ich selbst gehe Menschen einfach so gut wie möglich aus dem Weg. Damit bin ich eigentlich ganz zufrieden, auch wenn ich zwischendurch gerne mal wieder an ein richtiges Konzert gehen würde ...

Liebe Grüße,
-Sascha
__________________
Ich bin nur noch selten im Forum zu gegen und kann auch private Nachrichten kaum beantworten. Alles Liebe!
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  #7 (permalink)  
Alt 03.11.2006, 17:05
swissrain swissrain ist offline
fühlt sich hier zuhause
Registriert seit: 09.07.2005

Ort: Zürich
Beiträge: 183
Standard Sozialphobie und Depression...

Ich habe einen ähnlichen Hintergrund wie du: Alkoholismus, Depression, soziale Phobie.

Ich erinnere mich, wie ich als Kind depressive Zeiten hatte. Aber natürlich vermochte ich es nicht auszudrücken. Als Jugendlicher verkrampfte sich mein Nacken, bis zum Zittern, wenn ich mit jemandem sprach, mit dem mir nicht wohl war. Ich lernte, es zu kaschieren.
Ich wurde Sekundarlehrer (D, F, E, G). Niemandem fiel meine Hemmung auf! Ich bekam in den Übungslektionen Bestnoten. Ich konnte also während Zeiten in einem High sein, in dem ich die Hemmung vergass. Als ich dann meinen Beruf aufnahm, und täglich unter die Rasselbande von Teenagern treten musste, bekam ich Schlafstörungen, die mich in die Erschöpfung trieben. Nach zehn Monaten im Beruf hatte ich dann auch zum ersten Mal Panikstörungen. Ich begann in dieser Zeit auch, mich regelmässig selbst mit Alkohol (Rotwein) zu medikamentieren und hielt mein Problem geheim.
Ich kündigte und wusste nicht weiter. Und wurde dann Reiseleiter, und hoffte, in diesem Beruf und unter der Exposition (vor Leuten stehen) mein Gebrechen heilen zu können.
Doch vor Antritt einer Gruppe hatte ich stets Panik. Es war die Hölle. Wenn es dann eine äusserst nette, harmonische Gruppe war, fand ich den Schlaf nach den ersten Reisetagen, und die Reise wurde ein schönes Erlebnis, auch für mich. Wenn andererseits nur ein "Widersacher" in der Gruppe war, konnte ich nur mit Alkohol einschlafen, und hangelte mich so mit mässigen Dosen durch die Tage.
Mit zweiunddreissig Jahren dann ging's zurück in die Schweiz, mittlerweile verheiratet. Ich ging zurück in meinen alten Beruf. Wie man sich vorstellen kann, waren die Probleme nicht gelöst. Ich litt häufig an Schlafstörungen und war dann an den folgenden Tagen erschöpft und fühlte mich schüchtern. Umgekehrt konnte ich von einem Frohmut durchfahren werden, schlief dann ruhig und gut, und war dann ein entsprechend feuriger, motivierter Lehrer. Ich schwankte hin und her zwischen Jovialismus und sozialer Phobie. Doch gab ich nicht auf, glücklicherweise. Ich kämpfte mich zwölf Jahre durch.
Es kam ein Zusammenbruch (mit einer schwierigen Klasse...). Es folgte der Ausstieg, für einige Monate. Nach dem Wiedereinstieg ging es bei der kleinsten Störung schlimm zu, die Panik wurde immer schlimmer. Da gab es ein dreimaliges Versagen (nach höllischen Panikstörungen), in verschiedenen Klassen, und schliesslich brach ich innerlich zusammen und wachte nach einem Selbstmordversuch in der geschlossenen Abteilung wieder auf. Beruflich hatte ich jetzt aufgegeben, und wusste, dass ich mich lieber umbringen würde, als die Panik wieder zu ertragen.

Nun folgten verschiedene klinische Aufenthalte. Unter anderem war ich am Schluss, letztes Jahr, auch noch in einer Langzeittherapie zum Alkoholentzug. Doch ich schaffte es nicht mehr, mich in einer Gruppe aufzuhalten. Wenn mir an einem Menschen nur etwas leicht missfällt, oder er eine Art "Vibes" (vibrations) hat, die mich nervös machen, verkrampfe ich mich vollständig, und werde wie ein Stein. Wenn ich gezwungen bin, häufig mit einem solchen Individuum mich aufzuhalten, bin ich schnell erschöpft und depressiv, schlaflos und suizidär, und habe enormen Saufdruck.

Aufgrund dieser klinischen Beobachtungen stellte die Leitende Ärztin der Klinik fest, dass in meinem Fall nicht Alkoholismus das primäre Problem sei, sondern eine multiple Persönlichkeitsstörung mit Sozialphobie. Aufgrund ihres Berichts dann wurde ich schnurstracks berentet.

Auch jetzt muss ich behutsam mit mir umgehen. Eben bekam ich ein Mail von meinem Jungen, in dem er sich bedankte, dass ich für ihn und seine Freundin gestern einen schönen Abend gemacht hätte. Ausdrücklich bedankte er sich auch für meine "umgängliche Art". Ich antwortete ihm: " "Umgängliche" Art?": Leider gar nicht, ich bin nach wie vor "Fremden" gegenüber verkrampft. Wenn ich weiss, dass ich in meinem Verhalten nicht meiner Seele folgen kann, geht die Adrenalin-Post ab." Zusätzlich zu dem Gesagten war mir bewusst, dass ich nicht zur geringsten Maskerade noch fähig bin. Wenn ich weiss, dass Formalität/aufgesetzte Höflichkeit gefragt ist, habe ich panische Anwandlungen. Genau so auch, wenn ich bei dem anderen eine entsprechende Fassade wittere. Ich scheue bei der geringsten Formalität. Es steht also eine extreme Sensibilität dahinter. So wie das Wildtier Geruchssinn hat, habe ich Spürsinn, für menschliche Inkompatibilitäten. Entsprechend nannte es auch die Ärztin der Klinik.

Ja, ein solches Reframing der "sozialen Phobie" hilft doch, sich nicht dafür zu schämen! Sozialphobiker haben Schamanen-Natur, he! They're not made for labour.
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  #8 (permalink)  
Alt 03.11.2006, 17:43
wdp1959 wdp1959 ist offline
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Benutzerbild von wdp1959
Registriert seit: 21.07.2006

Geschlecht: keine Angabe
Ort: Bayern
Beiträge: 3.345
Standard

Hallo zusammen,

Danke schon mal für die vielen Antworten. Sie haben mich schon ein Stück weitergebracht. Denn jetzt, nach dem ich Eure Geschichten gelesen habe, fallen mir plötzlich Sachen auf, die ich vorher eigentlich noch nie berücksichtigt habe.

Besonders, wie Zinnober und Sascha.rb es beschrieben haben, empfinde ich teilweise schon viel länger, als ich es mir bisher zugestehen wollte.

Ich war früher auch auf vielen Konzerten, aber es war eigentlich immer so, dass ich dann der Fahrer war. Habe mich schon früher ungern darauf eingelassen, auf jemand anderen angewiesen zu sein, weil mir damit die Fluchtmöglichkeit versperrt war. Ich habe eigentlich rückblickend betrachtet wirklich immer darauf geachtet, abhauen zu können, wenn es mir zu viel werden sollte. Bin deshalb auch auf Familienfeiern oder sonstigen Einladungen eigentlich immer der erste, der geht. Ich kann mit mir nichts anfangen und mit den Leuten auch nicht. Sie machen mir Angst, ich fühle mich beobachtet, gezwungen, meinen Beitrag zum Gelingen beizutragen und wenn ich dann wieder merke, dass ich "sprachlos" werde, alle um mich herum reden, ich mich aber einfach nicht mehr beteiligen kann oder will, dann wird es mir zu viel. Es schnürt mir quasi die Luft ab.

Auch das mit dem Stimmengewirr. Diese 4 Aufenthalte dieses Jahr zur Entgiftung, ja, je nüchterner mein Zustand geworden ist, um so unerträglicher wurde das Stimmengewirr. Es gab dort nur zwei Aufenthaltsräume. Der eine war der Essenssaal, der auch als Fernsehraum genutzt werden konnte, aber man durfte dort nicht rauchen. Nun, ich bin starker Raucher, also war ich die meiste Zeit in dem anderen "Raucher-Zimmer". Aber dort hatte sich natürlich auch meist ein Großteil der Mitpatienten versammelt. Ich hätte oft an die Decke gehen können. Alles hat sich verkrampft und ich war immer der Panik nahe. Gut, natürlich besteht auch ein Zusammenhang mit der Entzugsmaßnahme, die ja auch nicht gerade leicht ist. Aber das alleine kann es nicht gewesen sein.

Und auch wie ich geschrieben habe, dass ich ja heuer einige Male beim Baden war. Dort war auch ein Typ, der wirklich einen "Dachschaden" hatte. Also ich kenn den schon länger und weiß, dass er nicht ganz normal ist. Aber das schlimme war, dass er sich immer seinen Walkman aufgesetzt hat und dann dazu mitgesummt hat. Nicht unbedingt leise und auch nicht schön. Es war für mich oft absolut unerträglich, was viele andere überhaupt nicht gestört hat. Andere haben es als lustig oder so empfunden, ich selbst habe mich nur verspannt, versucht, Aggressionen zu unterdrücken und mir dann eben auch meinen mp3-Player eingestöpselt um nichts mehr um mich rum hören zu müssen. Und wenn der Typ mal nicht da war, dann hat es mich schon oft gestört, wenn sich andere unterhalten haben. Konnte es einfach nicht ertragen.

Wie gesagt, die direkte Angst vor Menschen hab ich noch nicht, aber ich fühle mich sofort eingeengt, habe einen Druck auf der Brust, das Gefühl, eine Panikattacke zu bekommen, wenn ich mich nicht aus dem Staub machen kann. War gerade vorhin beim Einkaufen. Freitag nachmittag, kurz nach 16.00 Uhr natürlich die beste Zeit. Hätte eigentlich noch dringend ein paar Sachen aus einem größeren Einkaufszentrum benötigt, aber alleine der Gedanke, dass ich dort dann eventuell ein paar Minuten an der Kasse anstehen müsse, haben mich schon wieder veranlasst, dieses Zentrum zu meiden und hab nur bei ein paar Discountern, wo es schnell geht, eingekauft und den Rest an der Tankstelle, auch wenn da die Preise überhöht sind. Aber ich hätte Panik vor den vielen Leuten im Einkaufszentrum und den Wartezeiten gehabt.

Danke auch Dir swissrain für Deine Offenheit. Ja, wir haben ähnliche Hintergründe und gleichen uns auch sonst in manchen Dingen. Wenn ich mich an die Zeiten zurückerinnere, in denen ich noch nicht von Alkohol abhängig war, so hab ich bei größeren Veranstaltungen oder Verpflichtungen auch da dem Alkohol zugesprochen, um relaxter zu sein. Und auch ich habe, wie ich es immer nenne, "Antennen" mit denen ich spüre, ob jemand offen mit mir umgeht, oder nur eine Maske zur Schau trägt. Ich hinterfrage alles und jeden. Wittere hinter der kleinsten Reaktion Gefahr, bin irgendwie immer in Anspannung und fluchtbereit.

Hmm, wenn ich das alles so bedenke, dann könnte es sich bei mir schon um eine Sozialphobie handeln, oder?

Lieber Gruß und nochmal danke an alle, die bisher geantwortet haben.
Euer
wdp
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Viele Menschen sind zu gut erzogen, um mit vollem Mund zu sprechen;
aber sie haben keine Bedenken, dies mit leerem Kopf zu tun

Du glaubst mich zu kennen? Dann sag mir wer ich bin. Ich kenn mich nämlich nicht!!!
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  #9 (permalink)  
Alt 03.11.2006, 17:44

Beiträge: n/a
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hi wdp,
na ja--so richtig wohlgefühlt hab ich mich unter menschen nie--vor allem wenns viele sind. is auch egal ob ich die nu kenne oder nicht.
aber so richtig aufgefallen dass da was nicht stimmt is mir erst vor ca 15 jahren...betriebsjubiläum im festzelt--bin recht gut gelaunt dahin gefahren--und stand dann vor'm eingang und konnt ums verrecken nicht rein.....bin dann einfach wider gefahren.
hat mir aber keine ruhe gelassen--bin dann ab und an einfach so mal
in ne total überfüllte disco ("eh opa--wat wills du denn hier"---"schnautze kleiner"...) also wos richtig unangenem is und ich völlig fehl am platz war--ging und geht wenns sein muss immer noch--kostet mich aber echt überwindung....genauso wie die albernen weihnachtsfeiern in der firma--verdrück mich dann immer nach längstens ner stunde oder so...
und besuch---wenns mehr als 3 leut sind die länger als ne stunde bleiben nervts einfach nur noch.....jo--is aber wohl mein kleinstes problem......

lg
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  #10 (permalink)  
Alt 03.11.2006, 18:10
nougi nougi ist offline
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Geschlecht: keine Angabe
Ort: z`Basel a mim Rhy
Beiträge: 7.671
Standard

meine soziale phobie hat angefangen, als ich mit dem alktrinken aufgehört habe. (davor hab ich einige jahre harte drogen konsumiert.
weiss nicht ob es von daher kommt. es könnte auch vom kiffen kommen. aber eigentlich haben mich auch die menschen so gemacht. mit meinen tattoss überall, vorallem die auf den händen und fingern hat es angefangen. seit ich die habe (15j), werd ich ständig angegafft. jahrelang störte es mich nicht. vielleicht weil ich sowieso immer auf drogen war und danach immer besoffen.
seit ich clean bin und nüchtern durch die welt gehe, stört mich die spannerei extrem. manchmal ists mir egal.
aber es ist ja nicht nur das.
ich kann ja auch nicht auf die post, apotheke, einkaufen gehn etc. wenn ich einkaufen geh, ist mein freund dabei, an der kasse bezahle ich nur mit noten, niemals mit münz, da komm ich in stress und habe angst das ganze münz fällt runter oder ich zittere. heute hab ich depp es wieder mal versucht 1.15fr rauszusuchen, hätte es lieber seingelasssen, ist zwar gut gegeangen, aber ich hatte zulange. freund sagte, lass dir doch zeit, ich sagte, nein, die kassiererin will doch auch vorärts kommen, dabei, ichwar glaub so schnell wie keiner. :D

diagnosziert oder wie das heisst, habe ich mir das selber. ich habe das schon 3-4 jahre. vor 2j las ich ein bericht in der zeitung, und wusste sofort, das habe ich. fragte dann mein psychi, und der bestätigte dies. wir haben, bzw er dachte halt, ich brauche meinen freund immer dabei, weil ich schiss habe wieder in drogen abzurutschen, wenn ich mit ihm unterwegs bin, passiert das nicht, werd ich auch nicht angesprochen, allleine oft. kenne halt auch nur solche leute weil ich jahrelang dabei war und als ich clean wurde, habe ich mich in der wohnung verzogen. ich kenne heute noch kaum menschen wo nix mit drogen zu tun haben. aber mit soclhen will ich nix mehr zu tun haben und nehme distanz.

tramfahren ist auch horror. meistens muss ich nach 2stationen aussteigen weil ich keine luft mehr kriege, hustenanfälle jkriege, die kehle wie zu ist, nase und augen tränen. ja mühsam. deshalb fahr ich nie tram und bus. hab nun bike und wir haben ein auto gottseidank.

ich habe mal aurorix verschrieben bekommen vom psychi, aaber es hat mir nix geholefen, bzw die nebenwirkungen haben mich gestört.

nun leb ich halt damit und es geht viel besser als nohc vor einem jahr. aber vieles kann ich noch nicht. und die menschen nerven einfach, probiere denen immer auszuweichen, auch wenn ich mit hund unterwegs bin, gehe dann lieber nebensträsschen statt an der hauptstrasse.

achja und beim einkaufen , da denk ich immer, nein es ist so, die schauen alle was ich kaufe. ich finde es geht keine sau was an, was ich kaufe, warum gucken die anderen immer ins körbchen , habs grad gestern kollegin gesagt, sie lachte und sagte, sie schaue auch allen in die körbe und guckt ob die frisch oder fertigware kaufen

so, langes post was nicht nötig gwesen wäre. aber ich les es nicht nochmal 5 mal durch wie sonst immer und löschs nicht.
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